IT-Offshoring – China oder Indien?

China, das lange Zeit als die verlängerte Werkbank der Welt galt, zeigt zunehmende Bestrebungen, sich auch auf dem IT-Markt zu etablieren. In vielen Publikationen ist zu lesen, dass sich China auf dem Weg befindet, neben Indien der zweit wichtigste Standort für IT-Offshoring zu werden und Indien über kurz oder lang sogar zu überholen. Chinesische Delegationsreisen nach Indien versuchen, vom wahrscheinlich größten Konkurrenten um die Vormachtstellung zu lernen, gleichzeitig streben bedeutende indische Offshoring-Unternehmen wie Infosys und Tata auf den chinesischen Markt.

Zunächst spricht tatsächlich einiges für China:

Schon die hohe Wachstumsrate, die im 1. Quartal 2006 bei 10,3% lag, ist vielversprechend. Der dortige Software-Markt wächst jährlich um 25% und mehr. Die Löhne sind niedrig, mit einem Stundenlohn von 15 Euro bekommt der chinesische Entwickler sogar 5 Euro weniger als sein indischer Kollege. Gleichzeitig steigen die Gehälter mit 8,1% im Jahr 2005 weniger stark an als in Indien mit 13,9%. Die Situation der Infrastruktur, insbesondere im Telekommunikationsbereich, gilt als gut und jedes Jahr schließen 400.000 Studenten einen technischen Studiengang ab, der qualitativ mit den indischen konkurrenzfähig ist.
Eine weitere – etwas zweifelhafte – Stärke des chinesischen Marktes ist die Einbettung in ein nach wie vor autoritäres System, welches beispielsweise im Bereich der Infrastruktur schnellere Entscheidungen und Umsetzungen von Projekten im Interesse der Wirtschaft zulässt, als dies in der indischen Demokratie möglich ist.

Die genannten Stärken des chinesischen Marktes relativieren sich jedoch bei einem genaueren Blick auf die Situation der chinesischen IT-Branche:

Der Bedeutung des durchaus hohen Wachstums wird durch die Tatsache relativiert, dass 60% der chinesischen Software-Firmen über weniger als 50 Mitarbeiter verfügen. Bei dem Großteil der chinesischen Offshore-Anbieter handelt es sich um mittelständische Unternehmen, die eher kleine Aufträge mit einem Volumen zwischen 150.000 Euro und 1 Million Euro für den chinesischen Binnenmarkt übernehmen. Der sich zwischen 2000 und 2003 ausbildende Offshoring-Bereich hat nur einen geringen Marktanteil und leidet häufig an einem Mangel an Erfahrung. Die Offshoring-Unternehmen konzentrieren ihre Geschäfte auf Japan und Korea, insbesondere aufgrund der Tatsache, dass im Norden Chinas weite Teile der Bevölkerung über entsprechende Sprachkenntnisse verfügen. Die USA gewinnen zunehmend an Bedeutung, während Europa für Chinas Offshoring-Unternehmen eine eher untergeordnete Stellung einnimmt.

Ebenso wie der indische Markt, fordert auch der chinesische solide Kenntnisse der kulturellen Gegebenheiten, die häufig als „schwieriger“ als die indischen wahrgenommen werden. Auch die ökonomischen und rechtlichen Verhältnisse vor Ort sollten bekannt sein. Rechtssicherheit ist nach wie vor nur unzureichend gewährleistet. Insbesondere der mangelnde Schutz des geistigen Eigentums ist für den IT-Bereich von besonderer Brisanz. Inwieweit Versprechen der chinesischen Politik, den Schutz in Zukunft zu gewährleisten, umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.
Ferner sollten bei Geschäften auf dem chinesischen Markt zuverlässige Partner und ein tragfähiges Beziehungsnetzwerk zur nationalen Branche vorhanden sein, deren Aufbau durch sprachliche Barrieren erschwert wird, da Englisch nach wie vor gering verbreitet ist.

Von Bedeutung sind auch die politischen bzw. gesellschaftspolitischen Verhältnisse in China. Zwar steht auch die indische Regierung vor massiven Problemen, wie die jüngsten Anschläge in Mumbai/Bombay zeigen, auch leben nach wie vor 34,7% (Stand 1999-2000) der Bevölkerung in absoluter Armut, die Situation im als größte Demokratie der Welt geltenden Indien ist jedoch stabil.
Die Situation in China ist problematischer. Das wirtschaftliche Wachstum hat zur Ausbildung einer Mittelschicht geführt, die zunehmend politische Freiheitsrechte und demokratische Strukturen einfordert, die von der chinesischen Regierung massiv eingeschränkt werden. Im Gegenzug leben in China nach wie vor 16,6% der Bevölkerung von weniger als 1 $ am Tag (46,7% mit weniger als 2 $, Stand 2001), ohne Aussicht, in Zukunft am wirtschaftlichen Wachstum zu partizipieren. Gleichzeitig steigt das Selbstvertrauen der Armen, einen Anteil am Wachstum einzufordern, was ebenfalls von der Regierung z.T. gewaltsam unterdrückt wird. Als besonders problematisch ist zu sehen, dass das Wachstum sich auf die östliche Küstenregion konzentriert und damit eine Spaltung des Landes in ein reiches Zentrum sowie ein weitaus größeres, armes Hinterland bewirkt. (Zum Vergleich: In Indien entstanden im Laufe des IT-Booms mehrere Wachstumszentren, die sich über den gesamten Subkontinent verteilen und es somit einem größeren Anteil der Bevölkerung ermöglichen, vom wirtschaftlichen Wachstum zu profitieren. Die Entwicklung weiterer Wirtschaftszentren in nach wie vor armen Regionen ist eines der Ziele der indischen Regierung.)

 

Dorith Altenburg, Studentin der Politikwissenschaft, 2006
Johannes-Gutenberg Universität Mainz