Standort Indien

Der IT-Sektor in Indien

Indien dominiert derzeit mit 44% Marktanteil den globalen Handel mit IT-Dienstleistungen (ITO) und IT-gestützten Geschäftsprozessen (BPO). Die Umsätze betrugen 2004/05 etwa 28 Mrd. US-$, bei einem zu erwartetenden Anstieg auf 56 Mrd. US-$ bis zum Jahre 2007. Dominiert wird der Markt von Firmen wie Infosys, Satyam, Tata Consultancy Services (TCS) und Wipro. Die kleineren Unternehmen verteilen sich insbesondere auf die Ballungszentren Delhi, Mumbai, Bangalore, Pune, Chennai und Hyderabad.

Die Angebote konzentrieren sich auf die Softwareentwicklung und Softwareprodukte - darunter Systemintegration, Anwendersoftware-Pakete (z.B. MS Office), Unternehmersoftware (ERP, CRM etc.), Entwicklung und Wartung von Applikationen oder Hosting-Dienste - sowie komplette unterstützende Geschäftsprozesse. Diese Unternehmen arbeiten zum Großteil auf hohem qualitativen Niveau und sind nach international anerkannten Qualitäts-Standards zertifiziert, wie Six Sigma, CMMI und ISO 9000. Im Jahre 2003 stammten 60 der weltweit 80 Software-Unternehmen, die mit CMMI Level 5 bewertet wurden, aus Indien.

Im Geschäft mit Software und ITO wird von der Deutschen Bank ein Anstieg von 16,5 Mrd. US-$ (2004) auf 26 Mrd. US-$ im Jahre 2007, im Bereich der BPO ein Wachstum von 5 Mrd. US-$ (2004) auf 14 Mrd. US-$ in 2007 erwartet.

Ausblick

Diese Zahlen geben Anlass, positiv in die Zukunft zu blicken. Die Wachstumsrate ist mit derzeit 6% im Jahr nach wie vor hoch. Gleichzeitig ist die indische Regierung bestrebt, die wichtige Marke von 8-9% Wachstum des BIP über die nächsten fünf Jahre zu erreichen und zu halten. Diese ist nötig, um den jährlich acht Millionen auf den Arbeitsmarkt strömenden Erwerbspersonen gerecht zu werden. Sofern die Liberalisierung der indischen Wirtschaft weiter geführt wird, die 1991 vom heutigen Premierminister Manmohan Singh (damals Finanzminister) begonnen wurde, erscheint die Erreichung dieses Ziels wahrscheinlich.

Ein wichtiges Ziel in der Wirtschaftspolitik kommt ausländischen Unternehmen zu. Die indische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, jährlich bis zu 10 Mrd. US-$ an Auslandsinvestitionen ins Land zu holen. Diese sollen die anfallenden Kosten für den Ausbau der Infrastruktur sowie im Bildungsbereich decken.

Indiens Stärken

Indiens Vormachtstellung gegenüber anderen Offshoring-Standorten resultiert insbesondere aus der hohen Zahl gut ausgebildeter englischsprechender Fachkräfte - insbesondere im kaufmännischen und ingenieurtechnischen Bereich. Die Arbeitsproduktivität ist im Vergleich zum Konkurrenten China deutlich höher. Gleichzeitig sind die Gehälter in Indien nach wie vor niedrig, auch im Vergleich mit anderen Offshoring-Standorten. IT-Absolventen verdienen als Einstiegsgehalt in der Regel um die 8.000 Euro im Jahr. Allerdings zeichnet sich in einzelnen Regionen, wie beispielsweise Bangalore, inzwischen eine Knappheit an Fachkräften ab, was dort steigende Lohnforderungen zur Folge hat.

Es gilt zu beachten, dass nur 6% der indischen Bevölkerung zwischen 18 und 24 ein College besuchen, von denen wiederum nur ein Bruchteil die in der IT-Branche geforderten Fähigkeiten mitbringt. Entsprechend ist die indische Regierung bemüht, das Bildungssystem zu verbessern, um so den Anteil der IT-Experten an der Erwerbsbevölkerung zu erhöhen. Auch ohne diese Maßnahmen wird sich der Pool an ITO und BPO Fachkräften voraussichtlich von derzeit 700.000 auf 1,45 bis 1,55 Mio. Beschäftigten im Jahre 2007 erhöhen.

Als die Elite der indischen Colleges gelten die sieben Indian Institutes of Technology (IIT) sowie die sechs Indian Institutes of Management (IIM). Die IITs steuern dabei 1% der jährlich die Universitäten verlassenden Ingenieure bei. Die besten Universitäten und Colleges sind in Delhi, Bombay, Bangalore und Hyderabad zu finden.

Indiens Schwächen

Trotz der positiven Entwicklungen verbleiben einige Missstände, welche die Nutzung des indischen Potentials erschweren. Das auffälligste Problem ist der schlechte Zustand der Infrastruktur. Obwohl Indien das größte Straßennetz der Welt hat, ist dieses in einem schlechten Zustand und hält insbesondere in den Ballungszentren den Anforderungen des rasanten wirtschaftlichen Wachstums nicht stand. Stromausfälle sind insbesondere in den Metropolen an der Tagesordnung, die Masse der Unternehmen, aber auch der privaten Haushalte verlässt sich auf private Stromversorgung mittels Generatoren, große Firmen verfügen z.T. über eigene Kraftwerke.

Neben diesen kalkulierbaren Problemen stellt die Größe und Heterogenität des indischen Marktes für viele "Neuankömmlinge" ein Problem dar. Bürokratische Regularien sowie Gesetze variieren dabei ebenso wie die Qualität der Infrastruktur oder der Ausbildungsstand der Bevölkerung. Auch die kulturelle Heterogenität des Landes - Größe, Bevölkerungsstruktur, Sprachen, Religionen, Kasten - kann bei mangelnder Vorbereitung die Kosten in die Höhe treiben.

All diese Probleme haben zur Folge, dass schon manch ein Unternehmen den Weg nach Indien gescheut und statt dessen nach Osteuropa gegangen ist, trotz der vergleichsweise geringeren Ausschüttung.

Ausländische Unternehmen in Indien

Von deutschen Unternehmen wird der indische Markt trotz des guten Rufs, den die Deutschen in Indien genießen, bisher nur unzureichend genutzt. Hauptpartner im IT-Bereich ist bisher die USA, die mit Firmen wie Google, Adobe, Hewlett Packard, Dell Microsoft oder Satyam in Indien vertreten sind. Zwar entwickeln auch große deutsche Unternehmen inzwischen ihre Software aus Indien, darunter T-Systems, Robert Bosch GmbH, SAP, Siemens, DaimlerChrysler oder Software AG, bleiben dabei aber hinter den Möglichkeiten, die der indische Markt bietet, zurück.

Auch für mittelständische Unternehmen bietet Indien eine Möglichkeit, die Kosten zu reduzieren und neue Absatzmärkte zu erschließen. Der Erfolg hängt dabei meist nur von einer kompetenten, indienkundigen Projektabwicklung ab.

Indien bietet also viele Möglichkeiten, wenn man sie nur zu nutzen weiß.

 

Dorith Altenburg, Studentin der Politikwissenschaft, 2006
Johannes-Gutenberg Universität Mainz